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„Rote Ampel“ von Jan Michaelis

Morgens spotteten Schüler: „Jan Ullrich. Tour de France.“

Max Keutner zog den Kinnriemen an. Die Polster am Kopf rochen streng nach Schweiß. Mittags nahm ein Autofahrer dem Fahrradkurier die Vorfahrt. Keutner bellte den Autofahrer an. Vor Geschäftsschluß beauftragte ein Juwelier Max dann mit einer Sendung: „Fahren Sie dieses Diamantenkollier zum Apollo-Varieté. Dort versteigert es der Veranstalter für eine gute Sache.“

Die Ampeln der Kö zeigten alle rot. Der Juwelier hatte es dringlich gemacht. „Vorher noch ein Kunde.“ dachte Max und fuhr über Rot. Erst an der Graf-Adolf-Straße mußte er den Verkehr abwarten. Max fuhr an, zog nach rechts rüber.

„Halt die Spur!“ schnauzte ihn ein Radler an.

„Halt Abstand.“ schnauzte Max zurück.

„Sie landen im Krankenhaus!“

Max suchte schon die „Geschichtswerkstatt“, den nächsten Kunden. Der Eingang des Bürohochhaus war zu. Max fand den Hintereingang zur „Geschichtswerkstatt“. Eine Dame öffnete ihm und rief nach hinten in den Raum: „Der Kurier ist da.“  Eine Männerstimme rief zurück: „Geben Sie ihm den Umschlag mit dem Dokument des alten Apollo Theaters. Der Kurier soll es zum neuen Apollo Varieté bringen. Sofort! Es soll nachher versteigert werden für einen guten Zweck.“ Die ältere Frau gab Max den Umschlag: „Wir sammeln hier solche Dokumente, dieses haben wir mehrfach.“ Diese Belehrung erinnerte Max an seine ehemalige Englischlehrerin.

Max ordnete sich in den Verkehr in Richtung Rhein ein. Doch alle Ampeln zeigten Rot und die Sonne ging hinter der Brücke unter. Max sah eine riesige rote Ampel und bekam Angst. Halt ein! Stopp! So geht es nicht weiter! Verändere dein Leben!

Max wischte die Gedanken mit dem Schweiß auf der Stirn weg. Max nutzte die grüne Welle um die Haroldstraße bis zu Roncalli´s Apollo-Varieté durchzufahren. Er lehnte sein Fahrrad gegen die Scheibe des Apollo, warf das Schloss mit der ummantelten Kette um das Hinterrad. Da stand schon ein Einlasser in Gardeuniform: „Sie werden schon erwartet. Die Vorführung hat schon begonnen. Kommen Sie.“ Der Uniformierte schob ihn die Treppe hinunter durch einen Gang auf eine Tür zu: „Warten Sie hier!“

Eine kleine runde Lampe leuchtete rot über der Tür. Max dachte: „Von so einem roten Lämpchen, laß ich mich nicht aufhalten.“

Die zwei Clowns auf der Bühne schienen nicht überrascht. Sie faßten Max an seinen Händen. Zogen Max nach links und rechts. Ein Clown ließ los. Max schlug den anderen Spaßmacher zu Boden. Der Clown freute sich, jetzt gehörte Max ihm allein. Dann jammerte er über den Kamerad. Schließlich packte er Max. Der Clown riß Max die Kuriertasche vom Rücken. Streifte ihm das Trikot über den Kopf. Es blieb am Helm hängen. Max sah nichts mehr. Max dachte an die Diamanten. Der Clown tätschelte seinen Bauch, beugte Max nach vorne über. Der Clown trat auf Keutners Wade wie auf eine Trittleiter und stand auf seinem Rücken. Dann sprang der Clown nach unten auf den anderen Clown. Der rollte sich zur Seite und die Nummer hatte ein erlösendes Ende. Max sah das alles nicht. Er roch nur seinen eigenen Schweiß. Dann hörte er den Beifall. Der Clown zog das Trikot zurück und alle drei verbeugten sich. Der Moderator trat auf:

„Das waren Pipo und Bepo mit... wie ist ihr Name noch gleich... mit Max. Höre ich ein Gebot? 500 ... 1000, 1500, 2000, zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten. 2000 Euro für die Vorführung von Max zu Gunsten des Red Nose Day. Vielen Dank Max, dass sie mitgemacht haben.“ Der Moderator setzte Max eine rote Nase auf und zog ihm das Gummiband über den Helm.

„Jeder der mitmacht kriegt eine rote Nase. Machen wir weiter mit der Versteigerung.“ Der Moderator flüsterte Max ins Ohr: „Wo sind die Diamanten und die Urkunde?“

Max griff in seine Kuriertasche.

„Weg, sie sind weg! Die Umschläge sind weg. Die Diamanten und die Urkunde sind weg.“ Max schrie. Das Publikum war eisig still. Der Moderator beschwichtigte:

„Max! Meine Damen und Herren! Alles wird sich klären, bewahren sie bitte Platz bis die Polizei kommt!“

Die Polizei nahm die Personalien auf.

„Wir vernehmen Sie als Zeugen, Herr Keutner.“

sagten die zwei Beamten zu Max.

„Kommen Sie bitte morgen gegen 15 Uhr auf die Wache.“

Am nächsten Tag sagte sein Chef zu ihm:

„Der Schmuck war versichert. Aber warum bist du nur auf die Bühne gegangen!“

„Die kleine rote Ampel habe ich einfach überfahren, wie jede rote Ampel.“ sagte Max.

„Die kleine rote Ampel?“ wunderte sich sein Chef.

„Das Licht über der Tür zur Bühne.“ sagte Max. Er nahm seinen Urlaub. Er kam um 16 Uhr 30 aus der Wache, ging zum Fahrrad, schloß es auf und hängte sich das Fahrradschloß um den Hals. Bald würde Schluß sein mit den roten Ampeln. In der Ummantelung seines Fahrradschloßes waren die Diamanten bis dahin gut versteckt.

Kurzbiografie

Jan Michaelis

In Heilbronn 1968 geboren. Lebt in Düsseldorf. Veröffentlichte in Literaturzeitschriften, Almanachen und Copyartmagazinen. Otto-Rombach-Stipendium der Stadt Heilbronn 1999.

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